Vokuhila - Eine Betrachtung

Anything goes, heutzutage. Sogenannt "postmodernistische" Zeichen-Jongliererei führt nicht selten zur Beliebigkeit im Umgang mit so ziemlich allem. Auch mit einer der seltsamsten Frisuren der Geschichte.

 

Stoppt die Party da hinten!

"Business in the front, party in the back", pflegt der Engländer das Phänomen der Nackenmatte zu paraphrasieren. Frühe Vertreter, gewissermaßen Vorreiter des seltsamen Stils waren David Bowie und Tom Jones, welche die langen Haare im Nacken bei gleichzeitigem Kurzhaarschnitt mit als Erste zur Schau trugen. Und, seien wir ehrlich, es sah schon damals echt nicht gut aus, Innovation hin oder her. So wie es zeitlos schöne Klassiker in den Bereichen der Autos, der Schuhe oder der Designermöbel gibt, so gibt es auch Frisurenklassiker.

So wie ein klassischer Oxford-Schuh jeden Herrn kleidet, so entstellt die Vokuhila jeden Träger, egal ob männlich oder weiblich. Selbst Menschen von denen man denkt, sie könnten tragen, was sie wollten und sähen noch immer cool aus. Wie David Bowie. Da ist es um sie schlechter bestellt als um den Schnauzbart, dessen Träger, selten zwar, aber immerhin: gut aussehen können. Man denke nur an Bryan Ferry. Oder die Rehabilitation des Besens in Wes Andersons "Darjeeling Limited".

Kein Sonnenbrand im Nacken in den Achtzigern

Konnte man in den Siebzigern vereinzelt mal eine Vokuhila erspähen, zum Beispiel bei Paul McCartney, so kam es in den Achtzigern zu einer regelrechten Explosion, was die Verbreitung des Haarschnitts angeht. Und bis in die Neunziger blieb es normal, die Haare hinten ein bißchen länger zu tragen, auch wenn man schon so weit war, der regelrechten Matte Spott entgegen zu bringen. Die Frisur avancierte zur beliebtesten unter Sportlern; in Deutschland assoziiert man die "Fusi-Matte" zumeist mit dem Fußballstadion; in Nordamerika und Schweden ordnet man die Haartracht (Eis-)Hockeyspielern zu. Die Matte hatte ihren Weg in die Massenkultur gefunden. Mitte der Neunziger dann wurde sie zum todsicheren Proll-Indikator. Und irgendwann entledigte sich selbst Hartmut Engler seines kolossalen Überhangs im Nacken. Fast schon schade.

Und heute?

Nein, die Matte ist nicht unbedingt das Design Möbel unter den Frisuren. Eher ein Klappstuhl aus Plastik. Trug man in den späten Neunzigern die Matte schon wieder mit ironischem Abstand - ein wenig unverständlich, dieses ironische Haareschneiden, aber wenigstens Abstand... davon kann man zu dieser Frisur gar nicht genug haben - so sieht man sie heute schon wieder bei Kindern und Jugendlichen. Vollkommen ironiefrei. Diedrich Diederichsen konstatierte einmal, die Jugend habe immer Recht. Bitte möge es für diese Frisur eine Ausnahme von dieser Regel geben!